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Malteser Diözese Berlin

An Weihnachten allein: „Die Feiertage sind besonders schmerzhaft“

19.12.2018
Stephanie Wegener von Tengg leitet ehrenamtlich die Malteser Redezeit in Berlin

Viele Berliner verbringen die Tage zwischen Weihnachten und Silvester allein. Der Telefonanruf der Malteser ist für sie an den Feiertagen ein Lichtblick. Warum es hilft, wenn das Telefon klingelt und was es mit dem Projekt „Redezeit“ des Malteser Hilfsdienstes Berlin auf sich hat, erzählt Stephanie Wegener von Tengg im Interview.

Frau Wegener von Tengg, warum greifen Sie am Heiligen Abend zum Telefon?
Stephanie Wegener von Tengg: Ich werde am 24. Dezember eine 75 Jahre alte Dame anrufen, um ihr ein frohes Fest zu wünschen. Mit ihr telefoniere ich regelmäßig einmal in der Woche. Die Frau freut sich sehr über meine Anrufe und ich freue mich, mit ihr zu reden.

Der Malteser Hilfsdienst bietet mit seiner „Redezeit“ Einsamen nicht nur zwischen Heiligabend und Neujahr Unterstützung an. Was steckt dahinter?
Anders als in der telefonischen Notfallseelsorge sind es in der „Redezeit“ unsere Ehrenamtlichen selbst, die ihre Gesprächspartner anrufen. Bei den alleinstehenden Berlinern klingelt dann regelmäßig das Telefon. Wir hören ihnen zu, nehmen uns Zeit und tauschen uns aus. Für die Telefonate werden unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter speziell von uns ausgebildet.

Warum fühlen sich viele Menschen an den Feiertagen besonders einsam?
Die Werbung suggeriert, dass Weihnachten ein Fest für die Familie ist. In TV-Spots und Zeitschriften sieht man überall hübsch angezogene Menschen aus drei Generationen, die an einer festlich gedeckten Tafel sitzen oder glücklich Geschenke unter dem Weihnachtsbaum auspacken. Wer an den Feiertagen ohne Familie oder enge Bezugspersonen ist, fragt sich oft: Was habe ich falsch gemacht, dass ich hier allein sitze? Das Jahresende ist besonders schmerzhaft, weil viele ihre Einsamkeit noch stärker spüren als sonst – selbst wenn sie sich damit an den anderen Tagen im Jahr bereits arrangiert haben.

Warum hilft’s wenn das Telefon klingelt?
Unsere Anrufe sind ein Stück Hoffnung für sie, dass sie nicht allein und vergessen sind. Sie spüren: Es gibt eine Stimme, die präsent ist und mir zuhört. Das hilft vielen, nicht ganz in ihrem Schmerz zu versinken.

Wer ist heutzutage einsam?
Man hat oft keine Vorstellung davon, wieviele Menschen in unserer Stadt allein sind. Um jemanden zu treffen, der einsam ist, müssen wir oft gar nicht weit suchen. Vielleicht ist es der ältere Herr in der Wohnung nebenan oder die Dame, die ein paar Häuser weiter lebt. Gerade in der Anonymität der Großstädte ist es besonders schmerzhaft, wenn Freunde oder Verwandte umgezogen oder gestorben sind. Unbemerkt von anderen, bleiben die Menschen einsam zurück.

Aber nicht nur Menschen, die im Rentenalter sind, können einsam sein.
Ja genau, auch Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben oder von anderen unfassbar enttäuscht wurden, ziehen sich zurück und sind einsam. Oft geben sich auch Einsamkeit und Krankheit die Hand und es kommt zu einem Teufelskreis: Wenn jemand krank ist, zieht er sich zurück und wer einsam ist, fühlt er sich plötzlich krank und entwickelt körperliche Symptome.

Einsame sind häufig mit dem Vorurteil konfrontiert, verbittert oder griesgrämig zu sein. Zu Recht?
Nein, damit tut man den Einsamen sehr unrecht. Sie leiden oft am meisten unter diesem Stigma, weil sie sich selber immer wieder hinterfragen und die Schuld für ihr Alleinsein bei sich suchen. Für Einsamkeit gibt es, wie bereits erwähnt, verschiedene Ursachen. Ich sage: Es lohnt sich immer, hinter die Fassade eines Menschen zu schauen.

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