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Malteser Diözese Berlin

Interview zur Schließung Notunterkunft Neukölln: „Grund geben, morgens aufzustehen.“

13.02.2018
Ein Dankeschön von den Kindern aus der Notunterkunft.
Einrichtungsleiter Raphael Dütemeyer mit einigen Bewohnern kurz vor dem Auszug.

Dieser Dienstag, der 13. Februar 2018, markiert Abschied und Neubeginn. Nach mehr als zwei Jahren schließt auch die zweite von den Maltesern betriebene Notunterkunft endgültig ihre Pforten. Es ist ein Neubeginn für die vielen Geflüchteten, die hier gelebt haben und jetzt in neue Gemeinschaftsunterkünfte ziehen. Für die vielen haupt- und ehrenamtlichen Malteser, die sich in der Unterkunft engagiert haben, ist es Abschied von einer besonderen Zeit und Herausforderung.

Bis zu 600 Menschen waren im ehemaligen C&A-Kaufhaus über Monate, zum Teil sogar Jahre untergebracht. Babys erblickten hier das Licht der Welt. Kinder und Jugendliche wuchsen auf, Erwachsene durchlebten endlose Stunden des Wartens, Hoffens, der Freude, oft auch der Verzweiflung. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Im Malteser Interview berichtet Einrichtungsleiter Raphael Duetemeyer von seinen Erfahrungen.

Eine Notunterkunft in einem ehemaligen Kaufhaus – das ist keine so angenehme Vorstellung. Welche Erinnerungen hast Du an die ersten Tage und Wochen im C&A-Gebäude?

Mit der ersten Zeit verbinde ich vor allem Erinnerungen an die Leere, denn wir haben hier mit buchstäblich nichts angefangen. Es gab keinerlei Infrastruktur als die ersten Geflüchteten einzogen. Das mussten wir alles möglichst schnell organisieren. Noch nicht einmal Sanitäranlagen waren vorhanden. Deshalb haben wir dann mit dem Neuköllner Stadtbad kooperiert und sind in kleinen Gruppen dorthin gegangen zum Zähneputzen und Duschen. Am Anfang haben wir bis zu 20 Stunden am Tag gearbeitet und nur wenig geschlafen. Es gab so unvorstellbar viel zu tun. Aber alle haben sich füreinander eingesetzt und waren füreinander da. Das hat vieles erleichtert.

Mit einem Team von 25-30 hauptamtlichen Mitarbeitern und bis zu 100 Ehrenamtlichen habt Ihr Euch um bis zu 600 Gäste in nicht einfachen Lebens- und Wohnumständen gekümmert – was waren die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung war, dass wir es insgesamt mit mehr als 40 unterschiedlichen Herkunftsländern zu tun hatten. Das bedeutet: 40 verschiedene Kulturen, Religionen und Wertvorstellungen, die hier zusammenkamen, und mit denen wir uns auseinandersetzen mussten. Dann natürlich die für unsere Gäste nicht einfache Lebenssituation. Unser Ziel als betreuende Malteser war es immer: Jeder Bewohner soll einen Grund haben, morgens aufzustehen. Diese Gründe konnten sehr unterschiedlich sein: ein Integrationskurs, ein Job, ein Deutschkurs, die Einschulung eines Kindes oder was auch immer. Für jeden diesen Grund zu finden – auch das war eine Herausforderung.

Wie erlebst Du und Dein Team diese letzten Tage des Auszugs?

Alle im Team sind froh und erleichtert, dass dieses Kapitel für die Geflüchteten beendet ist und sie jetzt in eine bessere Unterkunft umziehen können. Gleichzeitig sind wir auch wehmütig, denn wir haben zwei Jahre wirklich alles gegeben und getan für unsere Bewohner. Die Erlebnisse der letzten zwei Jahre müssen wir jetzt verarbeiten und versuchen, daraus positive Kraft zu schöpfen. Wir sind insgesamt unglaublich dankbar dafür, dass wir helfen konnten.

Du bist Anfang 30 und hast einen sehr herausfordernden Job in den letzten zwei Jahren gehabt – inwiefern hat das Dich und Deine Einstellung verändert?

2015, als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wollte ich unbedingt in die Flüchtlingshilfe, weil ich gerne ein Teil derjenigen sein wollte, die mithelfen. Ich wollte vor allem verstehen, was da vor sich ging. Heute weiß ich zwar mehr über die Flüchtlingssituation, es bleiben aber immer noch viele Fragen. Ich weiß aber auch, dass wir demütig bleiben müssen, zuhören, miteinander reden, uns begegnen sollten, um voneinander zu lernen. Wir werden mit vielen in Kontakt bleiben, da bin ich sicher. Das bleibt.

 

 

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